Acht Millionen Ameisen in ihren Nestern verbrannt

Lippstadt – Der Bau ist zu einem dampfenden Hügel voll weißer Asche verbrannt. Heillos aufgewühlt rennen die verbliebenen Bewohner um die Trümmer herum. Die, die nicht im Feuer umgekommen sind. Nur einige wenige Überlebende – und eine Million Tote.

2013-10-31_Brennt-Ameisenhaufen_02„Oh Gott, dieses hier haben sie auch zerstört“, stöhnt Hartmut Blome verzweifelt auf, als er den Tatort entdeckt. Den ehemals so großen, schönen Ameisenhügel, wie er sagt. Eine Million Arbeiterinnen der Kahlrückigen Waldameise lebten dort und wurden Opfer von Brandstiftung.

Schon zwei Wochen zuvor hatte der passionierte Ameisenliebhaber die ersten fünf ausgebrannten Nester entdeckt. Heute sind drei neue hinzugekommen. Sie rauchen noch, der beißende Qualm steigt in die Nase. Ungläubig läuft Hartmut Blome den Waldweg am Heidesee ab, von Hügel zu Hügel, hält sich geschockt das Herz. „Ich bin richtig fertig, das tut mir in der Seele weh“, sagt er.

100 bis 150 Jahre alt seien diese Kolonien gewesen, erklärt der 51-Jährige. „So überleben die nicht den Winter!“
Nicht nur dem passionierten Mitglied der Ameisenschutzwarte macht die zerstörte Kolonie in der idyllischen Natur am Alberssee zu schaffen.

„Die Nestbeschädigung ist unter Strafe gestellt“, sagt Biologin Petra Salm ernst. „Die Waldameisen stehen seit 200 Jahren unter Naturschutz.“ Blome ergänzt: „Damals haben die Leute schon gemerkt: Wo die Ameisen sind, geht es unseren Wäldern gut.“

2013-10-31_Brennt-Ameisenhaufen_03Das kommt nicht von ungefähr: Die Krabbler fressen schädliche Insekten und sorgen so für Ordnung im Wald. Außerdem tragen sie Samen weg und helfen so den Pflanzen, sich zu verbreiten.

In morschem, sonnig gelegenen Holz fühlen sie sich wohl, arbeiten unter einer oder mehreren Königinnen und tauschen sich mit benachbarten Kolonien aus – über Ameisenstraßen, die so oft auch Waldpfade kreuzen. „Das finde ich so toll: Das sind alles Schwestern!“, sagt Blome. Das ganze Ökosystem am Heidesee sei gefährdet, erklärt Salm – jetzt, wo so viele Waldarbeiterinnen systematisch verbrannt wurden. „Ohne Sinn und Verstand!“

Gemeinsam rufen die Ameisenfreunde die Polizei, um der Zerstörung Einhalt zu gebieten. „Die Polizisten müssten hier patrouillieren“, meint Salm. Die Beamten alarmieren die Feuerwehr – vorsichtshalber, denn die qualmenden Nester könnten weitere Flächenbrände verursachen. Die Wehrmänner spritzen Wasser hinein und meterhoch wirbelt die feine, weiße Asche auf – aus den Hügeln sind tiefe Krater geworden.

2013-10-31_Brennt-Ameisenhaufen_01„Da drin ist ‘ne Hitze!“, ruft Feuerwehrmann Christian Meyer seinem Kollegen zu und schaufelt die Reste des Baus mit einer Mistgabel um. „Ich flute das jetzt.“ „Vorsätzliche Brandstiftung“ nennt es der Brandamtmann. Für Hartmut Blome ist es viel mehr: Acht Millionen seiner Schützlinge wurden insgesamt getötet. Seit seiner Kindheit ist er leidenschaftlicher Fan der emsigen Krabbler. „Anfangs dachte ich, ich wäre der einzige Spinner in Lippstadt, der sich dafür interessiert.“ Bei der Ameisenschutzwarte traf er auf Gleichgesinnte. Seit 1980 kennt und betreut er die Ameisenkolonie am Heidesee, verzeichnet ihre Nester im Internet und freut sich, wenn eine Delegation „umzieht“. 80 Prozent der hiesigen Kolonie endet nun in schlammigen, tropfenden Löchern. Einige benachbarte Artgenossen versuchen noch, per Ameisenstraße ihre „Schwestern“ zu erreichen. Ob sie überleben dürfen – das hängt von den unbekannten Brandstiftern ab.

Quelle: Tageszeitung „Der Patriot“ vom 5.11.13 – Artikel als .pdf-Datei